Dienstag, 3. November 2015

Der Sinn des Vergangenen




Die vergangenen Jahre haben mich auf eine harte Probe gestellt und tun es heute noch. Meine Lebensgrundlage und die Bestätigung, alles im Griff zu haben, brachen gleichzeitig weg und hinterließen einen gebrochenen Menschen. Nun schäme ich mich nicht mehr, dies zu sagen. Anfangs tat ich es.

Inmitten der Zeit meines Zusammenbruchs verlor ich immer wieder mein Gesicht. Ich wusste vorher nicht, wie wichtig es mir war, ein Bild von mir aufrecht zu erhalten, mit dem die Menschen mich kannten. Und welches ich auch verkörpern wollte. Mein Leben lang habe ich mich dagegen gewehrt, das zu tun, was andere von mir erwarten. Nun konnte ich damit aufhören, weil man nichts mehr erwartete.

Sich selber anzusehen, in einen Spiegel zu blicken, der keinen Schleier mehr trägt und nichts von einem mehr verbirgt, ist mehr als schmerzhaft. Denn er nimmt jede Illusion. Warum nur, fragte ich mich, gelingt es einem vorher nicht, zu sehen, wer man ist wie man ist?

Der Schleier ist fort, der Vorhang gerissen. Das ganze Schauspiel ist vorbei – aber nicht das Leben.

Dieses Leben ist und bleibt eine Prüfung, aus der man ge/erwachsen hervorkommt oder weiter vor der Realität davonläuft. Es gehört dazu, immer wieder tief zu fallen und wieder aufzustehen - ob man nun will oder nicht. Und immer wieder, wenn ich mich besonders sicher und getragen gefühlt habe, brach meine Welt zusammen. So dass ich manchmal nur noch gebetet habe: „Lieber Gott, lass es das letzte Mal gewesen sein. Lass mich endlich in Ruhe – ich kann nicht mehr“.

Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der überhaupt meinen Gebete zuhört oder ob da niemals jemand war. Das Schlimmste für mich war das Gefühl, allein dazustehen; gefangen in meiner eigenen kleinen Welt, völlig unfähig zu begreifen, warum das alles geschehen muss.

Der Erweckungsgedanke ist mir so fern wie noch nie in meinem Leben. Als hätte es ihn nie gegeben. Wenn man am Bodensatz seines Lebens angekommen ist, wird auch der Sinn des Lebens angezweifelt. Das ist ganz normal und geht wohl vielen Menschen so. Doch was ist, wenn man am Ende gar herausfindet, dass es tatsächlich gar keinen eigentlichen, sondern nur einen individuellen Sinn gibt? Ein eigener, selbst gemachten Sinn, mit dem man sein Leben füllt? Warum denn auch nicht? Solange er nicht zerstört wird, ist ja auch alles in Butter.

Und wenn doch, dann sucht man sich einen Neuen.

So wurde mir zumindest angeraten und man wunderte sich, dass ich das einfach nicht konnte, nichts fand, scheinbar nicht in der Lage dazu bin. Oder einfach nicht mehr will: Suchen.


Wenn ich das Ganze nun im Rückblick betrachte, fällt mir eines dabei besonders auf:

Schicksalsschläge dienen immer wieder dazu, die Welt klarer zu sehen. Also gehe ich weiterhin mit offenen Augen und wachem Geist durchs Leben. Egal, ob es nun Sinn macht oder nicht.


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Foto von: Mike Behnken: "Sun, Hills and Fog. Marine Headlands"

Donnerstag, 8. Mai 2014

Aus dem Herzen leben





Die wohl wichtigste Erkenntnis im Leben ist, dass man das Leben so nehmen sollte, wie es ist. Auch dann, wenn man sich etwas anderes wünscht, und vielleicht auch gerade dann. Doch ich kenne eine Menge Menschen, bei denen würde eher ein Sechser im Lotto zutreffen, als dass Sie sich dem Leben hingäben und die Dinge so nähmen, wie sie sind.

Doch das ist genau oft der Grund für unser Plagen und Mühen: die Nicht-Akzeptanz.

Denn allein dadurch verursachen wir einen großen Teil unseres persönlichen Unglücks. Erst die Ablehnung dessen, was uns widerfährt, führt zum Unwohlsein – und nicht die Situation als solche. Und eigentlich lehnt man dadurch das Leben an sich ab. Aber das versteht kaum jemand wirklich. Oder wir wollen es nicht wahrhaben, sind eher der Meinung, dass die anderen Menschen und unsere Umwelt sich uns anzupassen haben und nicht umgekehrt.

Es gibt Naturgesetze, die nicht physikalischer Natur sind, sondern immateriell. Ich denke, ob jemand nun an Karma glaubt oder nicht - unsere Taten fallen allesamt auf uns zurück, wie ein Naturgesetz! Und das betrifft eben sowohl die schlechten als auch die guten Taten. Aber auch das wollen wir nicht wahrhaben. Meist sind doch nur „die Anderen“ schuld. Aber dass dem nicht so ist, wollen wir nicht wirklich wahrhaben.

Dazu eine kurze Erläuterung:
Wenn wir Menschen kennen, die sehr egoistisch eingestellt sind und ein Verhalten an den Tag legen, das zum größten Teil darauf ausgelegt ist, sich Vorteile zu verschaffen, ist uns das sozusagen „ein Dorn im Auge“. Auch Menschen, die scheinbar immer nur Glück haben, reichlich Geld und Besitztümer anhäufen und ihre Vorteile aus jeder ihrer Aktionen zu nutzen wissen. Diese Menschen erscheinen uns sehr clever, aber wir gönnen es ihnen nicht, dass sie Erfolg haben und dass sie mehr besitzen als wir.
Nun hat diese Situation zwei Seiten: Erstmal gibt dieser Umstand uns die Chance, zu erkennen, dass wir in unserem Denken egoistisch sind oder neidvoll oder beides. Wir würden zum Beispiel ganz anders denken, wenn wir selbst diese begünstigte Person sind… Zweitens gibt uns solch ein Situation aber auch Gelegenheit zu sehen, was wir nicht mögen, und wir könnten daraus lernen und selber anders handeln, eben NICHT egoistisch zu handeln.

Sind wir aber doch neidvoll und missgünstig, kann es sein, dass wir verbittern oder grantig werden. Unsere Laune ist schlecht, wenn wir Leute sehen oder Situationen haben, die wir nicht mögen und wir ärgern uns. Das mindert unsere Lebensqualität und schadet unserer Gesundheit. Also geht es uns nicht gut und wir schlussfolgern, dass unsere Lebensumstände schuld daran sind. Wir meinen, uns fehlen eben diese und jene Dinge zu einem glücklichen Leben. Nehmen wir jetzt aber mal diese Projektion zurück und distanzieren uns emotional von diesen Geschichten, begreifen wir vielleicht, dass unsere innere Haltung für unser Leben nur negative Auswirkungen auf uns selber haben. An der Situation, die uns nicht gefällt, ändert es gar nichts. Unser Wohlbefinden bleibt dabei auf der Strecke, denn Egoismus macht hart und einsam. Vielleicht erkennen wir auch in solchen Situationen, dass wir selber nicht so sein wollen, wie der andere und verhalten uns dann noch mitfühlender und toleranter.
Wenn wir verstehen, worauf es im Leben wirklich ankommt, versuchen wir nicht zu kompensieren, sondern leben positiv aus unserem Herzen heraus – die Güte. Denn wir sehen dann die Gemeinschaft und nicht nur uns selbst. Und vielleicht sind wir auch in der Lage zu erkennen, dass wir nicht der Richter über andere sind und nicht urteilen sollten. Wir sind nicht derjenige, der entscheidet, was gut und was schlecht ist. Das brauchen wir auch gar nicht, denn die Naturgesetze regeln das von allein, ohne unser Zutun.

Es ist wirklich sehr wichtig zu erkennen, worauf es ankommt im Leben. Und das sollte genau das sein, was Du im Innern Deines Herzens trägst. Liebe.

Naturgesetz ist, dass gute Taten Gutes bringen – aber nicht als materielle Gegenleistung, sondern in Form von Frieden. Und was uns wirklich erfüllt, erfüllt unser Herz, und das ist unsere eigene Selbstlosigkeit, das Miteinander, die Annahme des Anderen, das Lebens, wie es ist.

Egoismus macht einsam, habgierig und erfüllt das Herz mit Kälte. Achte einmal darauf, wenn Du anderen Menschen begegnest: Der, bei dem Du Dich wohl fühlst, ist derjenige, bei dem Du menschliche Wärme verspürst. Und diese Wärme kommt aus dem Herzen.

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Bild von Kasia: Lil' Heart Just For You

Mittwoch, 5. Februar 2014

"Realität" von Peter Kingsley







Die „Realität“ von Peter Kingsley ist kein einfaches Buch, nicht mit dem zu vergleichen, was ich bisher las. Man muss dafür loslassen können von alten Ideen und Überzeugungen, damit man dem Geschriebenen folgen kann.

Peter Kingsley schreibt u. a. über die griechischen Philosophen Parmenides und Empedokles. Besser gesagt, er schreibt nicht über sie, sondern er beschreibt, mit welch wahrer Meisterschaft in der Redekunst sie uns an die Wahrheit unseres Daseins, unserer Realität heranführen. Und zwar auf eine subtile, oft verwirrende und ent-täuschende Art, wie ich sie zuvor noch nicht las. Die benannten griechischen Philosophen haben es wie kaum jemand verstanden, alles Illusionäre und Täuschende um die Wahrheit herum zu entlarven, so dass nur noch der Kern unseres Daseins übrig bleibt. Das, was nicht gesagt werden kann, weil man es nicht mit Worten beschreiben kann, bleibt. Wenn wir dem Inhalt des Buches folgen können, führt es uns immer weiter in die Tiefen unseres Daseins und dem Verständnis unseres Wesens. Wir müssen nur unsere Vorstellungen, die wir von uns und der Welt bislang hatten, fallen lassen; müssen uns öffnen für eine andere Sicht der Dinge, eine andere, neue Art der Wahrnehmung. Wer bereit dafür ist, ein neues Gewahrsein und über das Wahrnehmen der Dinge zuzulassen, wird überrascht werden. Wer dieses Buch versteht, wird, wie Eckhart Tolle sagt, verwandelt werden. Doch dafür muss man in die Welt, die dort beschrieben wird, eintauchen, wie in ein tiefes, stilles Wasser.

Es ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe, das Gewahrsein zu schulen – zu jeder Zeit 100% Aufmerksamkeit zu halten kann teilweise schon anstrengend sein, weil man seinen umherschwirrenden Geist immer wieder einfangen muss. Peter Kingsley beschreibt sehr anschaulich, dass es darauf ankommt, wahrzunehmen, wie unser Gewahrsein die Dinge wahrnimmt. Und in der Wahrnehmumg ausschließlich gewahr zu sein, ohne zu denken – das ist in meinem Augen eine sehr große Herausforderung. Gelingt Dir dies, erkennst Du, dass Du in Deinem Gewahrsein "nicht nur (jetzt) dort bist, wo Du bist, sondern auch, dass Du immer dort sein wirst" (Zitat aus dem Buch). Peter Kingsley interpretiert die Aussagen der vorsokratischen "Denker und Dichter" in einer grandiosen sprirituellen Sichtweise, die ich nur empfehlen kann. Für die Menschen, die wirklich in die Tiefe des Verständnisses unseres Daseins "hinabsteigen" wollen ist er in meinen Augen ein einzigartiger Wegbereiter.

Dieses Buch birgt einen Schlüssel zu dem größten Schatz der Menschheit. Trau Dich, alles loszulassen, was Dich noch hält und begib Dich auf den Weg zu Dir selbst. Ob mit diesem Buch an Deiner Seite oder irgend etwas anderem. Hauptsache ist, Du machst Dich auf den Weg.



.............................................................................................. Bild von Buntschatten: "Narzissen"

Freitag, 21. Juni 2013

…bitte sag mir nicht, wer ich wirklich bin…





Wenn ich daran denke, dass mein Blog sogar von Menschen in Südamerika, Alaska und Russland gelesen wird, bekomme ich eine Gänsehaut…unglaublich! Ich kann mich an solchen Dingen begeistern, denn für mich ist nichts im Leben selbstverständlich.


Auch wenn es so viele Leute verwundert, Reisen ist nicht gerade meine Leidenschaft. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass meine Eltern Kriegskinder waren und das Reisen in fremde Länder damals kein Thema war - es sei denn, man musste vor dem Feind flüchten… aber das ist ein anders Thema. Nun – so habe ich es als Kind und junge Frau das Reisen niemals kennen gelernt, war höchstens mal in einer Jugendherberge – 10 km entfernt zu Hause. :-)


Klar könnte ich jetzt die Welt erkunden. Die meisten, die ich kenne, sind ein/zweimal im Jahr auf Reisen und heute gibt es nur noch wenige Gebiete, die noch kein Mensch betreten hat. Doch meine eigene innere Welt hat mich immer viel mehr interessiert. Introvertiert nennt man das wohl. Mein Desinteresse am Reisen hat nichts damit zu tun, dass es scheinbar zu Hause am Schönsten ist. Denn manchmal ist es eben auch dort nicht schön, wie wir oft mehrmals in der Woche in den Nachrichten sehen können…. Ein Zuhause finde ich persönlich nicht an einem bestimmten Ort – sondern in mir selbst. Ich empfinde die Reise in das eigene Innere als eines der interessantesten Dinge im Leben. Und im Gegensatz dazu, dass man nach einem Trip in noch so ferne Länder doch irgendwann wieder in seinem Heimatort landet, bleibe ich dabei die ganze Zeit auf meiner Reise, dem Weg zu mir. Diese Reise mag vielleicht erst mit meinem Tod enden, vielleicht aber auch nicht, denn es kann genauso gut sein, dass selbst dort kein Ende zu finden ist.


Sich auf eine Reise zu begeben bedeutet, sich auf die Suche zu machen. Man sucht nach Ruhe, Entspannung, Spaß, Abenteuer, Aufregung, den Adrenalin-Kick, oder man will „einfach nur mal raus aus dem Alltagstrott“, und etwas ganz anderes erleben. Das ERLEBEN ist so unglaublich wichtig geworden, am liebsten möchte man den ganzen Tag etwas Tolles erleben…, doch was bedeutet es eigentlich: das ERLEBEN? Wenn wir uns das einmal näher ansehen, das ERLEBEN, dann entdecken wir, dass es etwas ist, was uns jeden Tag widerfährt, nur nehmen wir das einfach nicht mehr wahr. Das liegt schlicht daran, dass uns oftmals unser Alltag nicht gefällt und wir ihn als anstrengend, stressig, fremdbestimmt, öde, einsam, unwirklich oder lieblos empfinden. Eigentlich möchte wir ganz anders leben, wir möchten frei sein, unabhängig und all die schönen Dinge genießen, die uns die Welt zur Verfügung stellt und die wir auch teilweise selber hart erarbeitet haben. Darum ist der Urlaub und das Reisen für uns auch so wichtig geworden. Wenn wir den Alltag und das Gewohnte verlassen, können wir endlich das tun, was uns Freude bereitet und sich angenehm anfühlt. Das kann man eben am besten realisieren, wenn man das ganze Ungeliebte hinter sich lässt und einfach abhaut. Auf und davon - reisen – aussteigen – alles hinter sich lassen – ab in den Flieger – weg von hier, einfach nur weg von seinem eigentlichen Leben.


Ich habe seit über 10 Jahren einen Job, den ich nicht mag, den ich nie mochte, aber an den ich durch übergeordnete Entscheidung versetzt wurde. Egal, was ich versucht habe, davon los zu kommen, es scheiterte. Keine Chance, no way. Und selbst, als ich eine Chance bekam, entwickelte sich so weit weg von dieser Chance an übergeordneter Stelle wieder etwas anderes. Und zwar in der Art, dass sich diese Chance dann einfach in Luft auflöste. Jedesmal, wenn ich eine Chance erblickte, wenn ich irgend etwas tun konnte, tat ich es. Vieles änderte sich auch um mich herum, in meinem Umfeld, nur ein jobmäßige Veränderung brachte es nicht. Wisst Ihr, wie meine lieben Frau Mutter, diese kluge Frau, dazu gesagt hätte: Es hat nicht sollen sein!


Warum ich das erzähle? Weil es so wichtig ist, zu erkennen, dass es nicht darauf ankommt, WO man ist und WAS man macht. Denn auch, wenn man etwas ablehnt oder versucht, es loszuwerden oder versucht davor wegzulaufen, kommt es genauso schnell hinter einem her..., man kann es ausprobieren, immer wieder; aber es ist genauso, als versuchte man, seinen eigenen Schatten abzuhängen…


Diese Reise zu sich selbst nicht zu vergleichen mit der, in ein Auto oder in ein Flugzeug zu steigen und sich auf die angenehmen Dingen zu freuen, die einen erwarten mögen. Denn meist ist die Reise zu sich selbst nicht so angenehm, weil man sich ja mit seinen „Schatten“ beschäftigen muss, um hinter seine eignen Kulissen zu blicken. Und genau diese Schatten sind es, die man hinter sich lassen muss, um die Freiheit zu erlangen; diese innere Freiheit, die überhaupt keine Grenzen kennt, wofür man nirgendwo hin reisen muss… nur bei sich selber ankommen.


Ist das doof? Langweilig? Da passiert ja nix? Muss man das alleine machen? Nein, nein, nein, ja und nein.


Es gibt nur sehr wenige Menschen, die sich davon inspiriert fühlen, diese ungewöhnliche Reise anzutreten. Ich kenne jemanden, der auf dem besten Weg war. Er war schon sehr weit entwickelt, hoch intellektuell aber auch sehr intuitiv – diese ausgezeichnete Mischung. Aber gerade, als er den ersten Befreiungsschlag getan hatte, fiel er in seine alten Muster zurück, begab sich wieder in den Materialismus, suchte seine Ablenkungen und zog sich zurück von dem Menschen, der ihn an seinen Weg erinnerte. Und das alles nur, um ja nicht auf sich selber zu treffen zu müssen…


Niemand möchte an seine Schatten erinnert werden, denn die Wahrheit möchte niemand hören. Mit seinen eigenen Schatten möchte sich niemand beschäftigen, ja, noch nicht einmal ansehen möchte man sie. Doch sie sind ein Teil von uns, und nicht selten identifizieren wir uns mit ihnen. Sie verschwinden nicht einfach, im Alter werden meist nur ein bißchen die Kanten unserer Hartnäckigkeit abgeschliffen. Wir behalten unsere Schatten und nehmen mit überall mit hin. Und viele verteidigen sogar ihre Unzulänglichkeiten, indem sie sagen: „Ich bin, wie ich bin und das ist auch gut so“. Doch meist entsteht dieser Spruch aus einem Minderwertigkeitsgefühl…


Wer daran interessiert ist, zu erkunden, wer er wirklich ist, darf sich auf etwas Besonderes freuen: auf seine Freiheit, seine Unabhängigkeit, auf die Freude am Dasein und „das Verstehen“. Eine in meinen Augen lohnende Reise, auf die man sich jederzeit begeben kann. Und aus der man nicht zurückkehren muss…


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Bild von: Till Krech: "run(a)way"

Dienstag, 29. Januar 2013

Der Menschenverstand - Update 1.1





Es gibt kein Entkommen aus dem Leben, kein Entrinnen von den Erfahrungen. Wenn ich jemals dachte, ich hätte irgend etwas erreicht, kann ich heute nur sagen, dass ich gar nichts habe.

Ich verliere die Ziele; verliere die Hoffnung auf Dinge, an die ich geglaubt habe. Ich verliere meine Anhaftung an Ansichten, die mir viele Jahre unendlich wichtig waren. Wovon ich dachte, dass es gut für mich ist, stellt sich nun als Irrglaube heraus. Um Ziele zu erreichen oder Bedürfnisse zu befriedigen, müssen gesellschaftliche Bedingungen erfüllt werden. Doch ich möchte lieber ich selbst sein - frei, unabhängig und selbstbestimmt. Freiheit - das ist das einzige Ziel, was mir Antrieb aus meinem Inneren gibt.

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Hier einige Beispiele meiner Irrtümer aus der Vergangenheit:

Irrglaube Nr. 1

Ich brauche Glück und Wohlstand.

So lange habe ich geglaubt, dass es irgend etwas außerhalb von mir gibt, was mich glücklich macht. Doch wirkliche Zufriedenheit erfahre ich erst, wenn ich mit mir selbst in Frieden bin. Die Dinge, die ich in meiner Außenwelt für mich erschaffe, sind Dinge, die mein Inneres nicht benötigt. Sie sind materieller Natur und die materielle Welt gibt nur zeitweilig ein gutes Gefühl – bis ein neuer Wunsch auftaucht. Die Konsumwelt im Außen lockt und verführt - doch wen macht sie wirklich dauerhaft glücklich?

Alles, was von außen an mich herantritt, kann mich emotional beeinflussen und mein Inneres bewegen. Doch kann ich mich entscheiden, es zuzulassen oder auch nicht. Je nachdem, wie ich selber möchte.



Irrglaube Nr. 2

Ich brauche einen Menschen, der mich liebt.

Wenn ich mit mir in Frieden bin, brauche ich keine Liebe von außerhalb. Damit bin ich mir darüber im Klaren, dass ich nicht abhängig davon bin, Liebe von außerhalb zu bekommen. Partnerschaften und Freunde sind gut für ein soziales Miteinander, aber die wahre, ewig währende Liebe erwarte ich nicht von irgend einem Menschen; viele fühlen sich mit solchen Liebesansprüchen auch völlig zu recht überfordert.



Irrglaube Nr. 3

Ich brauche Anerkennung.

Solange ich Anerkennung von Anderen brauche, um mich wohl zu fühlen, bin ich nicht wirklich mit mir selbst im Reinen. Im Grunde benötige ich Niemanden, der mich bestätigt, ich bin von ganz alleine in Ordnung. Mache ich aber mein Wohlbefinden vom Urteil Anderer abhängig, stecke ich in einer Falle, denn was geschieht mit mir, wenn "die Anderen" mich einmal nicht in Ordnung finden? Kein so guter Gedanke...Auch hier gilt es zu erkennen, dass ich einfach okay bin, so wie ich bin. Das muss niemand bestätigen; meine Geburt ist Grund genug dafür, dass ich erwünscht war und bin.

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Diese Liste ist noch beliebig erweiterbar.

Meine Lebenserfahrungen zeigen mir, dass mir meine Unabhängigkeit immer am Wichtigsten war und ist. Mein Leben ist der Spiritualität und meiner persönlichen Weiterentwicklung gewidmet. So ist es seit vielen Jahren und auch heute. Enden wird dies erst, wenn ich im Inneren so weit bin, dass ich auch das loslassen kann – zielgerichtetes Tun einfach verschwindet.

Es dauert lange, bis man begreift, wie sehr wir alle unseren Anhaftungen erliegen und wie schwierig es ist, etwas dagegen zu tun. Unsere Denkmuster sind so stark und so tief in unser Gehirn eingraviert, dass wir es gar nicht mehr merken. Wir benutzen immer wieder unseren eigenen eingefahrenen Schienen und sind nur selten in der Lage, auch nur eine einzige Weiche umzustellen. Es erfordert sehr viel Aufmerksamkeit und Konzentration, diesem Automatismus auf die Spur zu kommen. Oft sind erst mehrere schmerzhafte Erfahrungen notwendig, bis wir begreifen, dass wir wie Marionetten handeln. Uns ist nicht wirklich klar, dass unser Gehirn ohne uns entscheidet, wie wir reagieren werden. Wir werden oft erst zu spät gewahr, was passiert ist. Denn wem ist es noch nie passiert, dass man einfach nur reagierte und drauflos handelte/redete/Porzellan zerschlug und erst hinterher dachte: "Ohje - das wollte ich jetzt gar nicht...! Diesen Automatismus unseres Verstandes kann man so einfach nicht verstehen, und akzeptieren wollen wir es schon gar nicht. Wir wollen einfach nur weiter daran glauben, dass WIR Herr der Lage sind, der Entscheider …

Das Gehirn bezieht seine Informationen zu 100% aus unseren vergangenen Erfahrungen, rechnet die aktuelle Situation dazu und präsentiert dann ein Ergebnis, welches aus alten „Denkmustern“ zusammengesetzt ist. Ergebnis: Auch unsere Handlungen erfolgen oft nach längst überholten Glaubensmustern. Es fällt es uns schwer, dies zu verändern, weil uns das meist gar nicht bewusst ist. Wir sind eben überzeugt davon, richtig zu liegen, recht zu haben - und wir leben nach unseren Überzeugungen. - wie sonst sollten wir noch handlungsfähig bleiben, wenn wir dauernd unsere eigenen Entscheidungen in Frage stellen würden? Unserem eigenen Urteil NICHT zu folgen, ist uns kaum möglich. 
Andere, positive, neue Erfahrungen zu machen, kann uns dabei helfen, umzudenken. Am meisten hilft uns aber unsere Aufmerksamkeit für das, was um uns herum geschieht. Wir müssen irgendwann erkennen, dass unsere Umwelt nur ein Spiegel für unsere eigenen Handlungen darstellt. Und weil genau dies zu erkennen länger dauern kann, benötigen wir jede Menge Geduld mit uns selbst. Wenn sich dann mit der Zeit ein neues Denkmuster in uns gefestigt hat, werden wir manchmal verblüfft sein, warum wir überhaupt so lange etwas anderes geglaubt haben. Die Wahrheit ist oft überraschend, und oft überraschend einfach.





Ein Lese-Tip habe ich noch für Diejenigen, die sich für die Funktion des Gehirns interessieren: Auf „ARTE“ gab es eine sehr informative Sendung zur Plastizität unseres Gehirns. Von einem der Darsteller in der Reportage gibt es ein Buch. Es ist von Norman Doidge (Psychiater und Psychoanalytiker):“ Neustart im Kopf: Wie sich unser Gehirn selbst repariert“.


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Bild aus: www.haushoch.net/Philosophie

Freitag, 11. Januar 2013

Spuren Im Schnee





Wenn ich alleine sein möchte, finde ich einen Ort, an dem ich mich wohlfühle. An diesem Ort muss ich mich nicht verstellen oder funktionieren, muss keine Erwartungen und Pflichten erfüllen.


Ich liebe die Stille. Ich habe dann das Gefühl, in mir zu ruhen, bei mir selbst zu sein. Alleinsein und Ruhe bringt mir Frieden und Bescheidenheit, Demut und Verständnis, aber auch Kreativität und vor allem die Zeit, das alles wahrzunehmen. Auch die Muße, einfach einmal gar nichts zu tun, erfüllt mich, erfüllt mich mit dem bloßen Dasein, und das fühlt sich einfach wunderbar an.

In die Natur zu gehen, den Vögeln in den Bäumen oder in der Luft zuzusehen, den Hasen beim "über das Feld hoppeln" zuschauen oder dem kleinen Rudel Rehe hinterher zu blicken, das sind für mich friedvolle Momente. Weit ab vom Trubel und der Hektik des Alltags finde ich etwas völlig Einfaches, was mir sehr gut tut.

Auf meinem Weg zum Deich laufe ich über den frischgefallenen Schnee. Er ist am schönsten, wo er noch unberührt ist. auch, weil ich meine Spuren dort hinterlasse. Das Knirschen bei jedem Schritt hat mir als Kind schon immer so gut gefallen, und je tiefer der Schnee, desto besser klingt es. Oben auf dem Deich angekommen, genieße ich den Ausblick über die weiten Wiesen und den dahinter liegenden Fluß. Noch ist nichts vereist, aber der Winter ist ja auch nun gerade bei uns angekommen. Doch ich finde es hier bei jedem Wetter schön, auch wenn der Boden bei Regen recht rutschig ist. Aber die Schönheit dieses Ortes ist nicht vom Wetter abhängig, denn für mich ist die Einsamkeit und die Ruhe entscheidend. Die Ruhe, in der ich zu mir selber kommen kann, frei und ungestört. Nur wenige Flecken in der Gegend, wo ich lebe, sind noch naturbelassen, und auch hier gibt es schmale Straßen und Wege. Aber im Winter sind nur wenige Menschen hier unterwegs, die die Ruhe in der Natur erleben wollen und vielleicht ein wenig bei sich selbst ankommen möchten.

Ich laufe oben auf dem Deich weiter, er ist hier gut begehbar. Die Autobahn höre ich nur nur leise in der Ferne rauschen und bis zur nächsten befahrenen Straße ist es zu weit, um Weg zu Fuß zurück zu legen. Auf einigen Wiesen wurden Ausgrabungen unternommen, um den Fluß einmal schmal hindurchzuführen...Re- Naturierung wird dies genannt. Dadurch, dass ein paar flache Teiche angelegt wurden, haben sich im Sommer hier viele Vögel angesiedelt. Im Moment sieht man davon natürlich nicht mehr viele, weil es sehr kalt ist. Umso interessanter sind die Spuren von Pfoten oder kleinen Krallen im Schnee. So wird die Natur im Winter zu einer geheimnisvollen und entdeckungsreichen Jahreszeit.

Ich komme immer wieder gerne hierher und entdecke zu jeder Jahreszeit etwas, was mich erfreut. Manchmal vergisst man ganz, wie schön die einfachen Dinge im Leben sein können. Man muss aber nur einfach mal alles Andere beiseite lassen und sich fragen, woher wir eigentlich kommen und wohin wir gehen werden, wenn die Zeit gekommen ist. In der alltäglichen Mühsal, sich um den Job, die Kinder, den Partner oder das Erreichen von Zielen und Gewinnen zu bemühen, vergessen wir oft das Wichtigste: Uns selber.

Meine Mutter möchte ich hier gerne einmal zitieren. Ich liebe ihre Sprüche sehr, weil sie so viel  Weisheit beinhalten: Einer davon lautet: „Kind, achte darauf, was Dir im Leben wichtig ist. Dein letztes Hemd hat keine Taschen.“


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Bild von klapeg: "Die Neugierigen"

Freitag, 21. September 2012

Das Leben als Solches







Wohin soll ich mich begeben,
wenn ich doch überall auf mich nur treffe?
Diese vielen Begleiter auf meinen Wegen
sind alles Seelen, die ich seit Unendlichkeiten kenne.

Das Leben, in das ich immer tiefer falle
besteht aus unglaublich bunten, facettierten Teilen.
Wenn ich spüre, dass ich nur noch aus Liebe bestehe,
bekomme ich Angst, mich noch tiefer zu verlieren,
eben in diese Unendlichkeit.

Ich spüre, dass sich nichts halten kann an mir
und lerne loszulassen, was ich festhalten möchte.
Meine Zuneigung weicht dem „Alles darf sein, wie es ist“,
und ich bin in all dem, was ist, zu Hause

Das Leben ist einfach und gestaltet sich von allein;
die Verwirrung und Kompliziertheit darf ebenso entweichen
wie das Denken und Grübeln, das von mir abrutscht
wie ein Stück Seife vom Badewannenrand.
Es wird heller, selbst in dunklen Zeiten;
und das Dunkle hat seinen Schrecken verloren.

Es gibt kein Wollen und kein Wünschen mehr,
weil die Vorstellungen von dem, was sein sollte,
dem Hier und Jetzt nicht mehr „vor-gestellt“ wird.
Die Hoffnung besteht aus dem Leben als Solches
und die Träume sind die Phantasien
in der ich meine Seele schweben lassen kann.
Wenn ich denn will.

Der Wille geschieht, wenn ich geschehen lasse, was sein will.
Und was sein will, ist eigentlich schon da.
Für mich ist das das Leben schlechthin– einfach als Solches.



....................................................................................................................................................................... Bild von: D. Sharon Pruitt, Girls in Halloween Costumes